Oppitz 1938 - Geschichtsverein RAK e.V.Königswartha

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Oppitz 1938

Ein Zeitungsartikel aus dem Jahre 1938

Im Dorf der Pilz- und Beerenfrauen
Nur harte Arbeit sichert einen kärglichen Verdienst – Von 4 bis 20 Uhr beim
Sammeln

Man müßte einmal mit den Pilz- und Beerenfrauen, mit den „K i e n w e i b e r n“, wie der
Volksmund sagt, die zu jedem Wochenmarkt in Bautzen mit ihren Körben, mit Pilzen, Beeren,
Heidekraut und Rutenbesen an den Pfeilern des mächtigen Petridomes stehen und sitzen, in
ihre Heimat fahren. Dort sollte man einmal einen Sommer lang selbst Beeren und Pilze
suchen und alte Wurzelstöcke im Heidewald roden, um aus ihnen die Kienscheite zu
gewinnen. Man müßte mit ihnen von morgens vier Uhr bis zum Sonnenuntergang
Preiselbeeren suchen. Es kann sein, daß man es dabei auch einmal auf zehn Liter Tagesernte
bringen würde, die aber längst noch nicht marktfähig ist, sondern in stundenlanger Arbeit,
die sich oft genug über die Nacht hinzieht, sauber verlesen werden muß. Man sollte mit den
Heidebewohnern einmal durch die Wälder streifen, bis weit ins Preußische hinein, um Stein-
und Birkenpilze, „Hühnelpilze“ und Grünlinge zu sammeln, um nach vielen Stunden
unermüdlichen Wanderns und Suchens in Sommerhitze und Heidetrockenheit ein paar Pfund
halbwegs brauchbarer Pilze verschiedener Gattung zusammenzuhaben, die später beim
Verkauf auf dem Markt ein paar Pfennige einbringen. Man sollte aber diese schwere
Tätigkeit der Heidebewohner nicht auf sich nehmen, um sie ihrer kargen Einkünfte zu
berauben, sondern sollte mit ihnen in die Wälder gehen, um das Maß ihrer Mühe richtig
einschätzen zu lernen.

Kiefernwald, Heide und Teiche
Viele Heidefrauen auf dem Bautzener Wochenmarkt kommen von Oppitz, jenem Dorf, daß
dicht an der preußischen Grenze in Kiefernwald, Sand, Heide und Teiche eingebettet liegt.
Zahllose riesige Teiche erwarten uns hier, deren weite Wasserflächen an heißen Tagen zum
Baden einladen, deren „Kanonenputzer“, Wasserrosen und Wasservögel etwas Besonderes
für große und kleine Wanderer und Träumer sind. Immer spiegeln sich ein Kahn, ein niederes
Heidehaus oder die frohen Gesichter der Dorfkinder im klaren Wasser. Immer springen, wenn
man den Fuß an den Rand eines Teiches setzt, Frösche aus dem Gras mit „Plansch und
Glucks“ ins Wasser, immer haschen sich hier blau und grün schillernde Libellen, und allerlei
andere Insekten gehen auf Nahrungssuche, ohne auf Mückenstift und Mückensalbe des
Stadtvolkes besondere Rücksicht zu nehmen. Wer Glück hat, sieht Freund Adebar, der bereits
zur Abreise rüstet, an den Teichen oder in den Wiesen umherspazieren. Aus dem Wald und
selbst an Dorfwegen leuchtet blühendes Heidekraut.

Freundliches Oppitz

Von einer historischen Postkarte

Auf dem Wege von Königswartha nach Milkel kommen wir in das Heidedorf Oppitz, das sich
mit über 60 Gehöften etwa einen Kilometer die Straße entlangzieht. Auf den ersten Blick
könnte man meinen, in einer jungen Siedlung zu sein. Viele neuere Häuser, noch mehr neue
Dächer, leuchten freundlich die Straße entlang. Brände haben hier mit den alten
Lehmhäuschen und den Strohdächern aufgeräumt. Doch findet man noch manches Haus, das
über hundert Heidesommer über sich ergehen ließ. Durchwandert man den Ortsteil
Neuoppitz, der einstmals durch böhmische Exulanten entstanden sein soll, so kommt man am
Westausgange des Dorfes zu einem über einhundert Jahre alten Gasthaus. Das malerische
niedrige Häuschen steht nur wenige Schritte von der sächsisch-preußischen Landesgrenze
entfernt, die hier einen breiten Zipfel nach Süden vorschiebt. Ein alter Spruch empfängt uns
an der Tür des Hauses: „Dieses Gasthaus steht in Gottes Hand, Grüner Wald wird es
genannt.“ In der hellen sauberen Gaststube sind Fußboden und Tische blank gescheuert,
unter den Fenstern zieht sich eine lange Bank die Lehmwand entlang und eine alte Standuhr,
deren Räderherz noch jugendfrisch rasselt, tickt schon bald ein Jahrhundert lang die
Sekunden.

Früher wurde Torf gewonnen
Die Bewohner von Oppitz leben nicht nur von dem oft recht mageren Ertrag ihrer Felder und
ihres nicht eben zahlreichen Viehs, sondern zum großen Teil auch von den Geschenken des
Waldes und der Heide. Die meisten sind Handwerker, Wald- und Fabrikarbeiter, viele helfen
bei den Erntearbeiten im Rittergut. Neben den Beeren und Pilzen, die allwöchentlich zum
Markt nach Bautzen gefahren werden, wurde früher in Oppitz auch Torf gewonnen, teils zum
Heizen der eigenen Oefen, teils für die Gutsherrschaft. Für eintausend Torfziegel oder
„Kästchen“ wurden 120 bis 150 Pfennige gezahlt.
Still und abseits liegt das hübsche Heidedorf. Die Menschen darin sind fleißig und zäh dabei,
dem kargen Boden und dem Wald so viel abzuringen, daß sie leben können. Man braucht nur
in das Antlitz der Pilz- und Beerenfrauen zu schauen, um zu wissen, daß Mühe und Sorge über
ihrem Leben stehen. Die Pilze und Beeren wachsen ihnen nicht in die Häuser und Körbe
hinein. Es ist ein weiter Weg bis zum Feilhalten auf dem Markte, für den man den fleißigen
Sammlern Lohn gönnt.

rb.
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