DRK-Pflegeheim - Geschichtsverein RAK e.V.Königswartha

Königswarthaer Geschichtsverein-RAK
Königswarthaer Geschichtsverein RAK e.V.
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DRK-Pflegeheim

Gerichtsgebäude, Blindenanstalt, Blindenasyl, Reservelazarett, Flüchtlingsunterkunft, Feierabend-und Pflegeheim, Pflegeheim und Heim für betreutes Wohnen. Obwohl es in der gegenwärtigen Zeit sehr schwierig ist, Recherchearbeit zu leisten, konnte ich mit Hilfe von Fernleihen durch Unterstützung der Bibliothek Hoyerswerda, im Gespräch mit der Leiterin des DRK–Pflegeheimes, Frau Sander, und durch Berichte von Blindenkongressen relativ viel erfahren. Durch die verlässliche Unterstützung unserer Vereinsmitglieder habe ich einen Erinnerungsbericht von Herrn Walter Schörbel, dem ehemaligen Hausmeister auf dem Gelände, bekommen, in dem er sehr ausführlich über diese Gebäude und seine Bewohner geschrieben hat. Deshalb gilt allen Helfern mein herzlicher Dank.
Auf den denkmalgeschützten Aspekt möchte ich nur kurz eingehen. 1855 - 1856 wurde das Gerichtsgebäude (zur Straßenseite gerichtetes Gebäude) mit Granitportal und über der Tür angebrachtem Wappen der Wettiner erbaut.

1890 -1894 erfolgte der Bau des zweiten Gebäudes als ornamentiertes Backsteingebäude mit zwei dominanten Seitenrisaliten (Hofseite).


Von 1856 – 1876 fungierte im vorderen Haus das "Gerichtsamt Königswartha". Mir vorliegende Bilder vom Siegel des "Königlich Sächsischen Gerichtsamtes Königswartha" belegen dies. Mit der Verfassung von 1831 wurde zwischen 1834 und 1853 die besonders in Ostsachsen weit verbreitete Gerichtsbarkeit der Güter und Rittergüter an den Staat abgetreten. 1879 wurde auf Königlichen Erlass die Einteilung von Gerichtsbezirken angeordnet. Damit war das Amt in Königswartha Geschichte.
 
Ab 1883 kann nachgewiesen werden, dass ein "Dauerwohnheim mit Werkstätten für ältere erwerbsgeminderte Blinde" auf dem Gelände eingerichtet wurde. 1888 wurde eine "Hilfsschule für blinde Kinder" in Königswartha gegründet. Gegen Ende des 19. Jhd. und Anfang des 20. Jhd. gab es zahlreiche Kongresse die sich mit der Blindenbildung und Blindenfürsorge beschäftigten. Heute würden wir sagen, diese Themen wurden sehr kontrovers diskutiert. Sollte man Blinde, soweit möglich, ausbilden, damit sie "durchgängige Gleichheit mit Vollsinnigen" (Hauy)  erreichen – oder sollten sie in Heimen bzw. Anstalten leben? 1867 verfasste der österreichische Blindenlehrer M.  Pablasek ein vielbeachtetes Buch mit dem Titel: "Die Fürsorge für den Blinden von der Wiege bis zum Grabe". Obwohl ich in dieser Beziehung gewiss kein Fachmann bin, gehe ich davon aus, dass man dieser Richtung gefolgt ist. Blindenschule für Kinder, Blindenheim mit beruflicher Ausbildung und Tätigkeit sowie Blindenasylheime waren zunehmend existent. Sachsen war aus meiner Sicht einer der Vorreiter in Deutschland.
 
Im Blindenheim Königswartha waren bis zu 98 Blinde untergebracht. Darunter bis zu 27 Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren. Die Kinder wurden im Lesen der Blindenschrift,  mit dem Schreiben  auf der Blinden-Schreibmaschine sowie im Rechnen und Turnen unterrichtet. Die Erwachsenen wurden zur Ausführung verschiedener Arbeiten angeleitet um mit den hergestellten Produkten den Unterhalt der Einrichtung teilweise zu finanzieren. Die Kosten für den Unterricht der Kinder mussten von den Eltern getragen werden. Herrschte Armut, wurden die Kosten von der Gemeinde getragen. Es ist nichts Neues – auch damals mussten die Gemeinden auf ihren Finanzhaushalt achten. Deshalb war die Finanzierung dieser Anstalten sehr vom Jahresbericht des Leiters der Blindenanstalt abhängig. So geschah es nicht selten, dass Blindenheime geschlossen wurden, weil der "Geldhahn" zugedreht wurde. Offensichtlich war es in Königswartha durch den Verkauf der Waren aus den Werkstätten nicht der Fall. Die Produkte wurden in der Korbmacherei, der Rohrweberei, der Schilfmacherei und im Bürstensaal hergestellt und waren auf Märkten und beim Handwerk sehr beliebt. Wie dem Bericht von Herrn Schörbel zu entnehmen ist, brachten die Produkte der Bürstenmacherei das meiste Geld. Dort waren 30 Blinde, 1 Bürstenmachermeister und 2 Angestellte eingesetzt. Es wurden nicht nur Bürsten, sondern auch Besen aller Art, Pinsel und Zahnbürsten gefertigt. Die Produkte wurden versandfertig hergestellt, ohne Gespanne zum Bahnhof gebracht und verschickt.
 
Natürlich wurden die Blinden auch zu den Unterhaltungsarbeiten des Heimes eingesetzt. Küche, Wäscherei, Essenausgabe, Holz hacken, Kohlen stapeln, Vorbereitungsarbeiten für die Produktion, Bügeln, Nähen u.Ä.  Zu erwähnen ist noch, dass die Pferdefuhrwerke zum Antransport der Kohlen von den Bauern Paulick, Biewusch und Zschippang gestellt wurden. In diesem Zusammenhang wäre es auch interessant, ob aus überlieferten Erzählungen etwas zum Zusammenleben mit den Blinden in der Gemeinde gesagt werden kann. Dazu habe ich keine Unterlagen gefunden. Sicher
ist, dass Einwohner nachweislich im Blindenheim beschäftigt waren. Für Hinweise wären wir sehr dankbar. Bekannt ist, dass die Blinden Theaterstücke aufführten, Konzerte mit eigener Kapelle und Chor gaben sowie Tanzabende durchgeführt wurden. "Die Blinden waren sehr fröhlich und konnten trotz ihres Leidens sehr gemütlich und aufgeschlossen sein" (Zitat Herr Schörbel).
  
Am 26.10.1939 standen am Morgen Militärfahrzeuge auf dem Gelände und es wurde der Befehl gegeben: " In drei Tagen muss alles geräumt sein!" Die Blinden wurden mit Ihren persönlichen Sachen auf den Bahnhof geschafft und in einen Sonderzug verladen. Ich zitiere Herrn Schörbel:
 
"Ich selbst fuhr mit den Blinden, einer Schwester und einer Angestellten in Richtung Chemnitz in die Blindenanstalt. Diese schwere Fahrt zu schildern, werde ich mir ersparen, denn wie es damals zuging, weiß wohl jeder selbst."
Nachdem die Bewohner der Blindenanstalt unter restriktiven Maßnahmen das Gelände verlassen mußten, wurde unverzüglich ein Reservelazarett für strafgefangene Soldaten eingerichtet. Dazu waren Umbauten notwendig. Das Gelände wurde mit Stacheldraht eingezäunt, Wachposten aufgestellt, Baracken hinzugebaut, Luftschutzbunker und ähnliches neu eingerichtet. Die etwa 25 Wachsoldaten wurden im Jägerhof und später bei Gäbler einquartiert. Auf die Dächer der Gebäude wurden von Max und Walter Schörbel große rote Kreuze gemalt.
 
Dieses Reservelazarett war eine Außenstelle des Kriegsgefangenenlagers Hohnstein, welches von 1932 bis 1945 ca. 32000 Häftlinge in vielen Außenlagern als billige Arbeitskräfte beschäftigte. Der Einflußbereich des als Stalag (Stammlagers) IV-A bezeichneten Standorts, erstreckte sich bis nach Zittau, Bautzen, Radeberg, Riesa und Großenhain. Aus britischen Unterlagen geht hervor, dass keine genauen Zahlen über die Verteilung und auch "Vernichtung durch Arbeit" vorliegen. Letzteres bezieht sich vor allem zu Angaben über sowjetische Kriegsgefangene. Es befanden sich u.a. belgische, britische, irische, italienische und amerikanische Offiziere und Soldaten unter den Gefangenen. Aus diesen Unterlagen geht aber hervor, dass 1942 in den Kommandos der Grube Erika und Grube Brigitta in der Gegend von Hoyerswerda 357 britische Gefangene eingesetzt waren. Das Gefangenenlager Elsterhorst (nach 1945 wurde der Ort wieder mit dem ursprünglichen Namen NARDT benannt) war eines der größten Außenstellen des Stalag IV-A. Wie viele Gefangene genau im "Kriegsgefangenen-Krankenhaus-Königswartha"untergebracht waren, ist nicht bekannt. Recherchen der britischen Seite haben ergeben, dass sich ca. 60 britische Gefangene im Reservelazarett Königswartha befunden haben. Diese Zahlen entstammen dem englischen Online Projekt "Stalag IV-A". Unter anderem ist auch das Foto dieses Briefkuvert aus diesem Projekt.
 
Wie das Lazarett aufgelöst wurde ist nicht bekannt. Es gibt Berichte an die Polizeidirektion Bautzen über gelungene Fluchtversuche italienischer und serbischer Gefangener, aber keine weiteren genauen Angaben. Fakt ist, dass viele Lager auseinanderfielen, Gefangene geflohen sind und die Wachmannschaften sich fluchtartig davon machten.
 
 
Bei meinen Recherchen habe ich die nachstehende Aufzeichnung eines Mannes, der das Erlebte seiner Mutter, auf erzählende Weise, niedergeschrieben hat, entdeckt. Mit dieser sehr bewegenden Begebenheit möchte ich beenden:
 

 
"Ein Versprechen, dass ich am Totenbett meiner Mutter gegeben habe
 
 
Sie brachte die genähten Sachen in das Reserve-Lazarett Königswartha, das sie mit dem Zug erreichte. Im Lazarett Königswartha wurden vor allem Lungenerkrankte behandelt, die sie betreute. Hier im Lazarett lernte sie George, einen internierten Piloten der RAF kennen. Er war gemeinsam mit deutschen Soldaten im Winter 1944/45 im Lazarett. Sie traf ihn dort auf einem seiner vielen Spaziergänge im Park und verliebte sich in ihn. Im März endete leider das kleine Glück. Doch meine Mutter sprach noch jahrelang über den großen, gut aussehenden Mann von der Royal Air Force."
 
Offensichtlich ging es um das Versprechen, diesen Piloten zu suchen bzw. sein Schicksal zu erfahren und eventuelle Nachfahren ausfindig zu machen.
Ob der Sohn diesen Piloten ausfindig gemacht hat, ist nicht bekannt.
Als ich Frau Sander, Leiterin des heutigen Pflegeheimes, diese Episode erzählte,  kam von ihr sofort  der Gedanke: "Das klingt wie im Film - Der englische Patient  - nur diesmal in Königswartha."
Vielleicht gibt es interessierte Schüler, die in besseren Zeiten als jetzt, diese Geschichte recherchieren wollen?“

Recherchiert von Ingolf Lang
24.03.2021
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